Haltung und Resilienz in stürmischen Zeiten
- Jen Gremm

- 17. Juli
- 5 Min. Lesezeit

Wenn man in Deutschland die Medien öffnet und das Wort „Dubai“ liest, stößt man meistens auf ein sehr einseitiges Bild. Oft wird die Stadt auf Oberflächlichkeit, extremen Konsum oder ein künstliches Luxusleben reduziert - ein Ruf, der von außen betrachtet ein sehr verzerrtes Bild zeichnet.
Doch die Realität, die ich hier täglich erlebe, ist eine völlig andere. Dubai ist für mich kein anonymer Urlaubsort, sondern ein extrem sicheres, hochmodernes und vor allem unglaublich warmherziges Zuhause geworden. Es ist eine Stadt voller Macher, voller gegenseitiger Unterstützung, ein respektvolles Miteinander vieler Kulturen und Religionen und einer Lebensqualität, die man erst versteht, wenn man hier wirklich ankommt. Und genau diese tiefe Verwurzelung ist der Grund, warum ich mich hier seit so vielen Jahren rundum glücklich und sicher fühle.
Vor 12 Jahren hat es mich nach Dubai verschlagen - in eine Stadt, die niemals schläft, die sich ständig neu erfindet und in der aus einer kühnen Vision in Rekordzeit Realität werden kann. Genau diese Energie stecke ich täglich in meine Branding- und Marketing-Agentur, um Startups und Solo-Gründern dabei zu helfen, ihre eigene, unverwechselbare Stimme zu finden.
Aber machen wir uns nichts vor: Das Leben hier besteht nicht nur aus Glitzer, Erfolgsstorys und perfekten Instagram-Feeds. Auch wenn Dubai oft wie eine eigene, schillernde Welt wirkt, sind wir geografisch mitten im Nahen Osten. Und das spüren wir in letzter Zeit sehr deutlich.
Die Realität ist, dass der Krieg und die Spannungen in der Region greifbar nahe sind. Wenn man abends die Nachrichten einschaltet oder im Alltag merkt, dass Flugrouten kurzfristig angepasst werden, Lieferketten ins Stocken geraten und die geopolitische Lage das bestimmende Thema bei jedem Treffen ist, dann macht das etwas mit einem. Es ist ein ganz anderes Gefühl der Unsicherheit, das plötzlich direkt vor der eigenen Haustür liegt. Es zeigt uns, wie schnell sich die Dinge ändern können und wie verletzlich unser gewohnter Alltag eigentlich ist.
Wegen all dieser Nachrichten fragen mich Freunde, Familie und auch manche Klient*innen aus Deutschland in letzter Zeit immer häufiger: „Jen, wann kommst du eigentlich endlich zurück nach Deutschland? Willst du dem Krieg und den ständigen Spannungen dort unten nicht lieber entfliehen?“
Aber um ehrlich zu sein: Das kommt für mich überhaupt nicht infrage. Die VAE sind in den letzten 12 Jahren mein echtes Zuhause geworden. Ich habe mir hier mein Leben, meine Familie und mein Business aufgebaut. Von außen ist das vielleicht schwer zu verstehen - warum man an einem Ort bleiben möchte, der so nah an einem Konfliktherd liegt. Aber Heimat ist eben kein Ort auf der Landkarte, den man einfach austauscht, wenn es mal ungemütlich wird. Es ist mein Zuhause, ich stehe zu dieser Entscheidung und es gibt, trotz der Spannungen, keinen Ort, an dem ich lieber wäre.

Während ich hier in Dubai diese globale Unruhe sehr direkt erlebe, weiß ich natürlich, dass viele von euch in Deutschland vor ganz anderen, aber ebenso emotionalen Herausforderungen stehen.
Die wirtschaftliche Lage ist angespannt, die Inflation drückt, und die ständigen schlechten Nachrichten sorgen für eine tiefe Zukunftsangst. Viele stellen sich die Frage:
„Macht es überhaupt Sinn, in diesen unsicheren Zeiten mutig zu sein und ein eigenes Business aufzubauen?“

Genau darüber möchte ich heute ganz ehrlich mit euch sprechen. Was bedeutet es wirklich, in Krisenzeiten die Führung zu übernehmen - für sich selbst, das eigene Business und die Menschen um einen herum? Denn für mich ist echtes Branding weit mehr als ein hübsches Logo. Es ist die Haltung, die wir zeigen, wenn es stürmisch wird.
Resilienz ist kein Schutzschild - es ist ein Muskel
Oft denken wir, dass resiliente Menschen einfach alles wegstecken, keine Angst haben oder immun gegen Sorgen sind. Das stimmt nicht. Wahre Resilienz bedeutet nicht, dass man unverwundbar ist oder die Augen vor der Realität verschließt. Es bedeutet zu akzeptieren, dass der Boden unter uns gerade wackelt - und trotzdem den Mut aufzubringen, den nächsten Schritt zu planen.
Als Gründerin muss auch ich täglich lernen, meine eigenen Sorgen und die spürbare Anspannung der aktuellen Lage zu kanalisieren und für meine Klient*innen da zu sein. Wenn du lernst, trotz des Lärms im Außen einen kühlen Kopf zu bewahren, triffst du deine Entscheidungen nicht aus der Panik heraus, sondern aus deiner inneren Stärke.
Die ersten Wochen waren eine enorme Zerreißprobe. Durch die nächtlichen Angriffe und die Raketenabwehr war an Schlaf kaum zu denken - und dennoch laufen Deadlines unerbittlich weiter. Man muss funktionieren und präsent sein. Für mich war die Arbeit in dieser Phase ein wichtiger Anker.
Besonders der Austausch mit meinen Klient*innen in Deutschland hat mir Halt gegeben und mich abgelenkt. Eine klare Aufgabe zu haben und trotz allem produktiv zu sein, hat mir geholfen, die nötige Kraft und Struktur zu bewahren. „Starke Marken werden nicht in ruhigen Zeiten gebaut, sondern dann, wenn sich die Dinge verändern. Wer jetzt echt und greifbar bleibt, schafft Vertrauen, das bleibt.“
Krisenmanagement bedeutet: Radikale Transparenz und Ruhe
Wenn um uns herum das Chaos ausbricht, suchen Menschen nach Orientierung und nach echter Verbindung. In meiner Arbeit mit Startups stelle ich immer wieder fest: Die beste Marketingstrategie in einer Krise ist absolute Ehrlichkeit.
Sprecht offen aus, was Sache ist: Eure Kunden merken sofort, wenn sich Prioritäten verschieben oder Herausforderungen auftreten. Versteckt euch nicht.
Bietet Lösungen statt perfekter Fassaden: Niemand erwartet in einer Krise Perfektion. Aber die Menschen wollen sehen: „Ich bin da. Wir passen den Weg an, aber das Ziel bleibt das gleiche.“
Ein positives Beispiel aus der Praxis:
Eine Gründerin, mit der ich kürzlich gearbeitet habe, stand kurz vor ihrem Produktlaunch, als wichtige Lieferketten unterbrochen wurden. Anstatt den Launch stillschweigend zu verschieben oder Ausflüchte zu suchen, haben wir uns gemeinsam entschlossen, in ihrem Marketing den Weg der radikalen Ehrlichkeit zu gehen. Sie nahm ihre Community in den sozialen Medien per Video mit hinter die Kulissen, zeigte die leeren Kartons und erklärte offen die Situation.
Das Ergebnis? Kein einziger Storno. Im Gegenteil: Die Kunden schätzten die Nahbarkeit so sehr, dass die Wartezeit die Vorfreude sogar noch steigerte und die Bindung zur Marke nachhaltiger stärkte, als es jede perfekte Launch-Kampagne hätte tun können.
Sicherheit geben durch echte Präsenz
Gerade weil ich physisch oft nicht in Deutschland bin, ist mir die digitale und emotionale Nähe zu meinen Klient*innen extrem wichtig. Krisenmanagement im Business bedeutet für mich vor allem eines: einen geschützten, ehrlichen Raum zu geben. Einen Raum, in dem wir nicht nur über KPIs, Conversion Rates und Strategien sprechen, sondern auch mal offen darüber reden dürfen, wie schwer es heute war, sich überhaupt zu fokussieren.
Sicherheit entsteht heute nicht mehr dadurch, dass wir die Zukunft vorhersagen können - denn das kann niemand. Sicherheit entsteht durch verlässliche Partnerships und das Wissen: „Jen ist an meiner Seite, egal was kommt.“
Aktiv bleiben statt abzuwarten
Wenn der Wind rauer wird, neigen viele dazu, in eine Schockstarre zu verfallen - Entscheidungen aufzuschieben und abzuwarten, bis sich der Sturm legt. Doch gerade in solchen Momenten liegt ein leiser, aber entscheidender Wert darin, handlungsfähig zu bleiben und die eigene Vision aktiv weiterzugestalten.
Krisen haben die Eigenschaft, uns zum Umdenken zu zwingen. Sie fordern uns heraus, Ballast abzuwerfen, kreativer zu werden und uns auf das Wesentliche zu besinnen. Wir wachsen nicht an den einfachsten Tagen, sondern an den Widerständen.
Ein Business, das sich behutsam und klar durch stürmische Zeiten manövriert, geht daraus oft nicht geschwächt hervor, sondern mit einer tieferen Substanz und einer echten, krisenerprobten Widerstandskraft. Es lohnt sich, die Schockstarre zu überwinden und den eigenen Weg Schritt für Schritt weiterzugehen.
Denn am Ende sind es nicht die makellosen, sturmfreien Zeiten, die uns und unsere Visionen definieren - sondern der Mut, auch bei spürbarem Gegenwind entschlossen auf Kurs zu bleiben.
Liebe Grüße aus Dubai,
Eure Jen
Gründerin, WE ARE WHITESPACE
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