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Empfindungen auf der dualen Ebene


Der Mut zur Spontaneität


Die Schere scheint immer weiter auseinanderzugehen. Wo bleibt das Mittelfeld?

Das betrifft nicht nur Wirtschaft, Politik und Meinungen, sondern auch unsere Empfindungen im empathischen Bereich. Während auf der einen Seite Menschen im vermeintlichen Mitgefühl beinahe ertrinken, wird der Ton auf der anderen Seite rauer, Verständnis und Akzeptanz für andere Sichtweisen werden enger.


Diskussionen über unterschiedliche Meinungen werden zunehmend schwieriger, manchmal sogar unmöglich. Dabei bremsen wir uns selbst aus, wenn wir den Austausch nicht mehr zulassen.


Dem anderen mit offenem Ohr und wohlwollendem Interesse zuhören. Vielleicht etwas von seiner Sichtweise übernehmen, vielleicht auch die eigene verändern.


Wir sind doch immer am gemeinsamen Austausch gewachsen, an unterschiedlichen Meinungen, am gegenseitigen Reiben. Und die Entwicklung betraf meistens beide Seiten. Oft hat dieser Austausch Freude bereitet, hat uns lebendig fühlen lassen. Und nicht selten ist gerade in hitzigen Diskussionen Nähe entstanden.


Nicht, weil man einer Meinung war, sondern weil man die Meinung des anderen respektiert hat, auch wenn sie noch so konträr war.


Jeder lebt durch seine Glaubenssätze in einer anderen Welt und nimmt Informationen, Nachrichten und Erlebnisse unterschiedlich wahr. Alles, was wir erleben, wird von unserem Glaubenssystem gefiltert und in unser persönliches System eingeordnet.

Besonders in unsicheren Zeiten geben Menschen mit ähnlicher Weltanschauung Sicherheit. Wir fühlen uns gestärkt, wenn noch jemand oder besser noch eine ganze Gruppe, unserer Meinung ist.


Innerhalb dieser Gemeinschaft gibt es jedoch oft wenig weiterführenden Austausch. Alle sind einer Meinung, bestätigen sich gegenseitig, und wenn das für die eigene Sicherheit nicht reicht, wird die entgegengesetzte Gruppe lächerlich gemacht oder abgewertet.


Auch in der Politik scheint der Kurs zunehmend zu sein, keinen Millimeter aufeinander zuzugehen. Manchmal wird sogar das Gute abgelehnt, nur weil es vom anderen kommt.

Der Blick richtet sich weniger darauf, was richtig oder hilfreich sein könnte, sondern darauf, einen Fehler zu finden, und sei er noch so klein, um die eigene Position zu stärken.


Ich finde es anstrengend, so zu leben.

Denn ohne Güte für die Fehler der anderen verlieren wir auf Dauer vielleicht auch die Güte für unsere eigenen Fehler, ja, vielleicht sogar für uns selbst.

Wir werden vorsichtiger. Überlegen mehr. Bewerten mehr. Prüfen mehr.

Und werden dadurch immer weniger spontan.


Vielleicht ist dieser Verlust größer, als wir glauben.

Denn das kreative Feld des Lebens, und damit meine ich nicht nur die Kunst, wird reicher durch den Mut zur Spontaneität.

Etwas wahrnehmen, bevor wir es zerdenken.


Einer inneren Regung folgen, ohne sofort zu prüfen, ob sie richtig oder falsch ist.

Einen Gedanken aussprechen, bevor wir ihn hundertmal auf seine mögliche Wirkung untersucht haben.


Was wir spontan wahrnehmen, muss deshalb nicht automatisch wahr oder richtig sein. Aber vielleicht verdient es zunächst unsere Aufmerksamkeit, bevor wir es bewerten, oder von anderen bewerten lassen.


Es kann aus unserem Bauchgefühl kommen, aus unserer Intuition oder, wenn wir es anders formulieren möchten, aus unserer Medialität.


Vielleicht entstehen Entdeckungen deshalb nicht immer durch monatelanges Grübeln.

Vielleicht brauchen sie manchmal einfach den Mut zur Spontaneität.

 
 
 

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